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Wissen ist tun

von Jürgen Karad, Lohmar 2002

Ich möchte mit einer konfuzianischen Weisheit meine Überlegungen einleiten:

"Erkläre mir, und ich vergesse.
Zeige mir, und ich erinnere.
Lass es mich tun, und ich verstehe"

Mit dieser Aussage stehe ich am Anfang meiner Überlegungen, biete dem Leser aber auch gleichzeitig schon den Endpunkt - quasi die Zusammenfassung - an.
Ich gebe damit aber auch zu, daß ich keine wirklich neue Idee anzubieten habe, sondern einer Jahrtausende alten Tradition entspreche, die an manchen Orten nur in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Die Frage sei erlaubt, warum die moderne Bildungsrealität sich diesen alten Werten und Vorstellungen so oft verschließt?

 
Inhalt
Wissen
Woher
Konstruktion
Toleranz
Realität
Schlüssel
Eigenverantwortung
Man muss nicht nur auf Konfuzius schauen, um zu erkennen, das die herrschende Vorstellung, wie Bildung, wie Wissen und Können weitergegeben werden sollten, nicht in allen Fällen zu dem bestmöglichen Ergebnis führt. Natürlich muß man auch zugeben, daß nachhaltiger Erfolg nur dann erzielt wird, wenn ein optimales, individuelles Mix verschiedenster Möglichkeiten genutzt werden kann. In der Realität ist es aber häufig überhaupt nicht möglich, die optimale Ausgangssituation und Lernplattform aufzubauen und auf Dauer zu betreiben. Haupthinderungsgrund dürfte der Faktor "Geld" sein. Leider wird in vielen Ländern der Erde "Bildung" nicht als eine wichtige gesamtgesellschaftliche Investition in die Zukunft angesehen.
Schwerwiegender als die nichtbeachteten konfuzianischen Weisheiten wiegen m.E. allerdings die Aussagen der Gehirnforscher.

Wissen (top)

Wissen ist nicht vermittelbar !

In dieser apodiktischen Aussage lassen sich die Erkenntnisse der aktuellen wissenschaftlichen Gehirnforschung zusammenfassen.
Die durchaus vorzeigbaren Erfolge verschiedener Lernwege macht deutlich, daß diese Aussage zu einseitig und erklärungsbedürftig ist. Macht aber auch deutlich, mit welcher Radikalität heute über den erfolgversprechensten Weg zu mehr Bildung, insbesondere zu einem Mehr an Weiterbildung diskutiert wird.
Wenn ich über ein ‚Architekturmodell der virtuellen Bildung' rede, dann haben wir -zumindest in der Theorie - die Möglichkeit, manches anders, vielleicht vieles besser zu machen. Aber sicher für diejenigen, die die Chance haben an dieser neuen Entwicklung teilzuhaben, neue Horizonte zu erkennen und in ihr weiteres Leben einfließen zu lassen.
Beginnen möchte ich mit einigen scheinbar ungewöhnlichen Fragestellungen, die zu mehr Nachdenklichkeit gegenüber herrschendes Bildungsvorstellungen und Denkmustern führen sollen.

Woher wissen wir (top)

Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben?

Diese scheinbar so einfache Frage berührt drei Problemkreise, die das menschliche Denken seit Jahrtausenden beschäftigen:
Was wir wissen, gilt im allgemeinen für das Ergebnis unserer Erforschung der Wirklichkeit. Von dieser Wirklichkeit nimmt der gesunde Menschenverstand nämlich an, dass sie gefunden werden kann. 1)
Wie wir wissen, ist ein bereits viel schwierigeres Problem. Um es zu erforschen, muss der Verstand aus sich heraustreten und sich selbst sozusagen bei der Arbeit beobachten. Hier haben wir es also nicht mehr mit scheinbaren Tatsachen zu tun, die unabhängig von uns in der Außenwelt bestehen, sondern mit geistigen Prozessen, von denen es nicht mehr scheinbar so fraglos feststeht, wie sie verlaufen. Wenn nämlich das Was des Wissens vom betreffenden Erkenntnisvorgang, dem Wie, bestimmt wird, dann hängt unser Bild der Wirklichkeit nicht mehr nur davon ab, was außerhalb von uns der Fall ist, sondern unvermeidlich auch davon, wie wir dieses Was erfassen.
Was aber hat dann das Wort glauben im einleitenden Satz zu suchen? An diesem Punkte setzen unsere Überlegungen an. Sie handeln davon, was im Grunde bereits den Vorsokratikern bekannt war und in unseren Tagen immer mehr an Bedeutung, gewinnt, nämlich von der Einsicht, dass jede Wirklichkeit im unmittelbarsten Sinne die Konstruktion derer ist, die diese Wirklichkeit zu entdecken und erforschen glauben. Anders ausgedrückt: Das vermeintlich Gefundene ist ein Erfundenes, dessen Erfinder sich des Aktes seiner Erfindung nicht bewusst ist, sondern sie als etwas von ihm Unabhängiges zu entdecken vermeint und zur Grundlage seines "Wissens" und daher auch seines Handelns macht.
(1)Paul Watzlawick, "Die erfundene Wirklichkeit", München 2001)

Konstruktion der Wirklichkeit (top)

Die Konstruktion der Wirklichkeit

Als nächstes gilt es zu erfragen, wie Wirklichkeit entsteht bzw. wie jeder Einzelne seine Wirklichkeit konstruiert.
Im weiten Bereich der Experimentalpsychologie steht eine bestimmte Gruppe von Versuchen in besonders enger Beziehung zu meinen Grundthesen. Es handelt sich um die sogenannten noncontingent reward experiments, das heißt um Tests, in denen kein Zusammenhang zwischen dem Versuchsverhalten des Betreffenden und der Bewertung dieses Verhaltens seitens des Versuchsleiters besteht. Diese Nichtkontingenz, das heißt das Fehlen jeder Kausalbeziehung zwischen Leistung und Bewertung, ist der Versuchsperson aber nicht bekannt.
In einem von vielen derartigen Experimenten, die der Psychologe Alex Bavelas vor Jahren an der Stanford-Universität durchführte, wird der Versuchsperson eine lange Reihe von Zahlenpaaren vorgelesen (zum Beispiel 31 und 80). Nach Nennung jedes Zahlenpaars hat die Versuchsperson anzugeben, ob diese beiden Zahlen "zusammenpassen" oder nicht. Auf die nie ausbleibende, verblüffte Frage, in welchem Sinne den diese Zahlen "passen" sollen, antwortet der Versuchsleiter nur, dass die Aufgabe eben im Entdecken der Regeln dieses Zusammenpassens liegt. Damit wird der Eindruck erweckt, es handle sich um eines der üblichen "Versuch und Irrtum"-Experimente. Die Versuchsperson beginnt also zunächst mit wahllos gegebenen "passt"- oder "passt nicht"-Antworten und erhält vom Versuchsleiter natürlich zunächst fast ausschließlich "Falsch" als Bewertung der Antworten. Langsam aber bessert sich die Leistung der Versuchsperson, und die Richtigerklärungen ihrer Antworten nehmen zu. Es kommt so zur Ausbildung einer Hypothese, die sich im weiteren Verlaufe als zwar nicht vollkommen richtig, aber doch immer verlässlicher erweist.
Was die Versuchsperson - wie erwähnt - nicht weiß, ist, dass zwischen ihren Antworten und den Reaktionen des Versuchsleiters keinerlei unmittelbarer Zusammenhang besteht. Der Versuchsleiter gibt die Richtigerklärungen der Antworten vielmehr auf Grund der ansteigenden Hälfte einer Gaußschen Kurve, das heißt, zuerst sehr selten und dann mit immer größerer Häufigkeit. Dies aber erschafft in der Versuchsperson eine Auffassung von der "Wirklichkeit" der den Zahlenpaaren zugrundeliegenden Ordnung, die so hartnäckig sein kann, dass an ihr auch dann festgehalten wird, wenn der Versuchsleiter ihr schließlich erklärt, dass seine Reaktionen nichtkontingent waren. Gelegentlich nimmt die Versuchsperson sogar an, eine Regelmäßigkeit entdeckt zu haben, die dem Versuchsleiter entgangen ist.
Die Versuchsperson hat als im wahren Sinne des Wortes eine Wirklichkeit erfunden, von der sie mit Recht annimmt, sie gefunden zu haben. Der Grund für diese Überzeugung liegt darin, dass das so konstruierte Bild der Wirklichkeit in die Gegebenheiten der Testsituation passt, was nur bedeutet, dass es mit diesen Gegebenheiten nicht in Widerspruch steht. Es bedeutet aber keineswegs, dass das Bild daher auch stimmt, das heißt, dass es die den zahlenpaaren (vermeintlich) zugrundeliegende Ordnung in ihrem So-Sein richtig wiedergibt. Denn welche Beziehung auch immer die Versuchsperson zwischen den Zahlen "herausfindet", kommt deswegen auch nicht im entferntesten an ein Erkennen der tatsächlichen Versuchsanordnung heran, da in dieser von Anfang an keine solche Beziehung besteht.
Die grundlegende Unterscheidung zwischen Passen und Stimmen geht auf Ernst von Glaserfeld zurück und ist einer der Kardinalpunkte seiner Einführung in den radikalen Konstruktivismus. Darin entwickelt er den kühnen und in seiner kompromisslosen Radikalität vielen Lesern zunächst wohl unannehmbaren Satz, dass wir von der Wirklichkeit immer und bestenfalls nur wissen können, was sie nicht ist. Da dieser Satz und seine praktischen Folgen sicherlich diskussionsbedürftig sind, möchte ich ein Beispiel anführen:
Ein Kapitän, der in dunkler, stürmischer Nacht eine Meeresenge durchsteuern muss, deren Beschaffenheit er nicht kennt, für die keine Seekarte besteht und die keine Leuchtfeuer oder andere Navigationshilfen besitzt, wird entweder scheitern oder jenseits der Meeresenge wohlbehalten das sichere, offene Meer wiedergewinnen. Rennt er auf die Klippen auf und verliert Schiff und Leben, so beweist sein Scheitern, dass der von ihm gewählte Kurs nicht der richtige Kurs durch die Enge war. Er hat sozusagen erfahren, wie die Durchfahrt nicht ist. Kommt er dagegen heil durch die enge, so beweist dies nur, dass sein Kurs im buchstäblichen Sinne nirgends anstieß. Darüber hinaus aber lehrt ihn sein Erfolg nichts über die wahre Beschaffenheit der Meeresengen; nichts darüber, wie sicher oder wie nahe an der Katastrophe er in jedem Augenblicke war: er passierte die Enge wie ein blinder. Sein Kurs passte in die ihm unbekannte Gegebenheiten; er stimmte deswegen aber nicht, wenn mit stimmen das gemeint ist, was von Glasersfeld darunter versteht: dass der gesteuerte Kurs der wirklichen Natur der Enge entspricht. Man kann sich leicht vorstellen, dass die wahre Beschaffenheit der Meeresenge vielleicht wesentlich kürzere, sicherere Durchfahrten ermöglicht.
In seinem reinen, radikalen Sinne ist der Konstruktivismus unvereinbar mit dem traditionellen Denken. So verschieden auch die meisten philosophischen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und individuellen Weltbilder untereinander sein mögen, eines haben sie dennoch gemeinsam: die Annahme, das eine wirkliche Wirklichkeit nicht nur besteht, sondern dass sie von gewissen Theorien, Ideologien oder persönlichen Überzeugungen klarer erfasst wird als von anderen.

Toleranz (top)

Konstruktivismus = Toleranz

Der konstruktivistische Ansatz zwingt m.E. dazu, neu darüber nachzudenken, ob manche politische, soziale und theologische Überzeugungen nicht zu radikal vorgetragen werden. Der Konstruktivismus sollte uns zumindest zu mehr Toleranz gegenüber anders denkenden und anders handelnden Personen und Personengruppen anhalten.
Wenn jeder Mensch sich seine eigene Wirklichkeit nur konstruiert, dann kann das Weltbild anderer ebenfalls nur konstruiert sein.
Entspricht dieses Weltbild einem gemeinsamen Konsens, dann können wir sicherlich damit leben (z.B. 2 + 2 = 4). Entspricht dieses Weltbild aber nur den Machtverhältnissen einer augenblicklichen Situation, so widerspricht dies im konstruktivistischen Sinne den Denk- und Handlungsweisen der Menschen.

Toleranz und Konstruktivismus sind die beiden Seiten einer Medaille.

Realität (top)

Die "objektive" Realität existiert nicht

Wo liegen die Ursachen, die es so schwer erscheinen lassen, die Wirklichkeit so zu erleben, wie sie "objektiv" real zu existieren scheint?

Die Unfähigkeit, die Wirklichkeit "objektiv" zu erleben hat folgende Gründe:
1. Die Möglichkeiten unserer Sinnesorgane sind begrenzt.
2. Es ist uns nicht möglich, neue Erlebnisse isoliert zu betrachten.
3. Zwischen den subjektiven Sinneseindrücken und den objektiven Gegebenheiten der Außenwelt gibt es keine Vermittlungsinstanz.

(K.Döring, Lehren und Trainieren in der Weiterbildung, Weinheim 1997, S.164)

Die drei Gründe beziehen sich auf unterschiedliche Bestandteile unseres Wahrnehmungsystems:
Die erste Aussage hängt mit der Aufnahme von Daten aus der Außenwelt über unsere Sinnesorgane zusammen. Unsere Sinnesrezeptoren können zwar durch sehr unterschiedliche Umweltereignisse gereizt werden (Licht, Geruch, Schall), diese Umweltereignisse stellen jedoch nur einen winzigen Ausschnitt aus der physischen Welt dar. Magnetwellen, radioaktive Strahlungen, Ultraschall nehmen wir z.B. nicht wahr.
Die zweite Aussage hat mit dem Einfluß unseres Inneren auf die Wahrnehmung zu tun. Es ist uns unmöglich, neue Erlebnisse isoliert zu betrachten, weil unser gesamtes Erleben von unserem Inneren, unserer Persönlichkeit, beeinflußt wird, d.h. unsere Erwartungen, Erfahrungen, unser Gedächtnis etc. haben direkten Einfluß auf unsere Wahrnehmung. Zwischen Sinneseindrücken und Außenwelt fehlt jegliche Verbindung. Aus diesen Gründen konstruieren wir uns unsere eigenen Wirklichkeiten, in denen wir ohne weiteres leben können, solange diese nicht im Widerspruch zur realen Wirklichkeit stehen. Entdecken wir einen Widerspruch, so erfahren wir, daß unsere Konstruktion nicht mit der realen Wirklichkeit zusammenpaßt und somit nicht aufrechterhalten werden kann. Darüber, wie die Wirklichkeit aber tatsächlich beschaffen ist, erhalten wir jedoch keine dauerhaft verläßliche Information.

Schlüssel (top)

Der Schlüssel zur Wirklichkeit

Deshalb interpretiert der Konstruktivist Wissen nicht als das Bild der realen Wirklichkeit, sondern als Schlüssel, der uns mögliche Wege erschließt. Dieser Schlüssel soll uns Wege zu von uns gewünschten Zielen erschließen. Diese Ziele sind Erklärung, Vorhersage, Kontrolle oder Steuerung von bestimmten Erlebnissen. Kurz: Es ist unser Ziel, eine gewisse Ordnung in unser Erleben zu bringen und so eine einigermaßen dauerhafte, regelmäßige Welt zu konstruieren.
Paßt der Schlüssel, heißt das, das er uns einen Weg zu diesem Ziel freigibt. Es heißt weder, daß er den einzig möglichen Weg freigibt, noch heißt es, daß es sich um den einzig passenden Schlüssel handelt.
Für den Kommunikations- bzw. Lernprozess bedeutet dies, daß der Mensch versucht, sich unveränderliche Größen (Invarianten) zu konstruieren, die dem lernenden Menschen helfen, sich anzupassen, anzugleichen und zu organisieren.
In diesem Prozess ist der Mensch nicht passiver Empfänger von Informationen aus der Umwelt, wie dies beispielsweise beim Frontalunterricht versucht wird, sondern im konstruktivistischen Sinne besitzt der Mensch die Fähigkeit, zur Bildung, zur Revision und Erweiterung von Konstrukten über die das Individuum umgebende Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit exakt abzubilden, wie es die heutigen Bildungssysteme in der Regel versuchen, ist unmöglich. Der Mensch konstruiert sich seine Welt aus seiner bisherigen Erfahrung, die er in seiner Lebenssituation erlebt hat und aus der Erwartung über die Nützlichkeit des Wissens bei der Erreichung eines bestimmten Zieles.

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Eigenverantwortung des Lernenden

Dem einzelnen wird dabei eine sehr hohe Verantwortung aufgebürdet. Denn ihm allein wird zugemutet, daß er seinen Lernprozess selbst bestimmt, steuert, revidiert und den Erwartungen und Wirklichkeiten der Umwelt anpaßt.
Der Lehrer muß sich bewußt machen, daß sein Lehrstoff nicht die einzige Wahrheit darstellt, sondern daß seine Aussagen sich als brauchbar und geeignet erwiesen haben, um im Leben und in der Wirklichkeit zu bestehen.
Der Lernende muß sich hingegen bewußt sein, daß er selbst den Lernprozess hochgradig aktiv gestalten muß. Der Lehrende ist nicht allwissend, sondern bietet nur eine Vielfalt an Möglichkeiten an, die der Lernende kritisch betrachten kann und muß. Der Lernende muß sich aber auch bewußt sein, daß sein Konstrukt der Wirklichkeit nicht die absolute, objektive Wirklichkeit sein kann.
Auch hier wieder der deutliche Hinweis auf die erwartete und notwendige Toleranz gegenüber dem anderen. Denn im konstruktivistischen Sinne gehen wir davon aus, daß es verschiedene Wege zum Ziel und verschiedene Lösungsansätze (Schlüssel) gibt, dieses Ziel zu erreichen.

Wird fortgesetzt .....

(Checkliste: Ist ein konstruktivistischer Ansatz überhaupt möglich ?

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Wissensmanagement in der virtuellen Welt: Überlegungen zum Thema "virtuelles Lernen"

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