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Wissensmanagement in der virtuellen Welt

von Jürgen Karad, Lohmar 2002

Wissen ist nicht vermittelbar. In dieser apodiktischen Aussage lassen sich die Erkenntnisse der aktuellen wissenschaftlichen Gehirnforschung zusammenfassen.

Folgt man dieser Ansicht und überträgt sie auf die aktuelle Diskussion um Wissensmanagement in den Unternehmen, so ergeben sich Zweifel daran, daß Wissensmangementprojekte in traditioneller Vorgehensweise aufgesetzt zu dem gewünschten Erfolgen führen können.

 
Inhalt
Lernmodelle
Konsequenzen
Architekturmodell
Bausteine

Die aus dem Denkansatz des Konstruktivismus herrührenden Überlegungen (E. v. Glasersfeld, H. v. Foerster, P.Watzlawick, H. Maturana u.a.) beunruhigen jene Protagonisten, die Wissensmanagement nach tradiertem pädagogischem Muster verbunden mit modernster Multimediatechnik in die Unternehmen tragen, aber offensichtlich noch nicht sehr, weil die Umsetzung von der Theorie in die Praxis bisher nur in wenigen Fällen gelungen ist. Mit der Nutzung des "Architekturmodelles virtuelles Lernen" könnte diese Schwäche überwunden werden.

Die Unzufriedenheit mit den Ergebnissen herkömmlicher Projekte wird häufig damit kommentiert, daß angeblich mangelnde Kooperation der Wissensträger; unzureichende Unterstützung durch die Geschäftsleitung; unpassende Unternehmenskultur; fehlende Zeit; mangelnde technische Unterstützung usw. die Ursache für Schwierigkeiten sind.

Solche Argumente haben sicherlich ihre Berechtigung. Folgt man den Überlegungen der modernen Gehirnforschung in Verbindung mit den Vorstellungen der Konstruktivisten, so bleiben Zweifel, daß der Versuch Wissen quasi per Unternehmerentscheidung weiterzuleiten, in zufriedenstellendem Maße gelingen kann.

Denn die im Ansatz ja richtige Entscheidung, Wissen aus den Köpfen der Erfahrungs- und Kenntnisträger auf mehrere Schultern zu verteilen und so das Gesamtunternehmen stärker und unabhängiger werden zu lassen, basiert auf der Annahme, daß Wissen lehrbar bzw. vermittelbar sei.

Lernmodelle (top)

Grundlage sind drei Lernmodelle, die unterschieden werden können:

  1. Lernen durch Verstärkung (Behaviorismus)
  2. Lernen durch Einsicht (Kognitivismus)
  3. Lernen durch Erleben und Interpretieren (Konstruktivismus).

Insbesondere "Lernen durch Verstärkung" hat sich über Generationen als pädagogisches und didaktisches Grundkonzept behauptet. Der Lehrer kennt sein Stoffgebiet, er weiß, was der Lerner wissen muß, er kann durch Sprache und Bild sein Wissen auf den Lernenden übertragen, durch sequentielle Stoffvermittlung kommt er zu einem prüfbaren Ergebnis. Der Lernende nimmt den Stoff mehr oder weniger passiv auf und speichert das Lehrerwissen in seinem Gehirn ab. Diese Methode wird häufig als sog. "Nürnberger-Trichter-Didaktik" bezeichnet. Die meisten von uns dürften in ihren Schul- und Lehrjahren mit dieser Methode ausgebildet worden sein. Die Nachhaltigkeit des Gelernten ist jedoch sehr zweifelhaft. Wir erleben mit Informationen vollgestopfte Menschen, deren Kenntnisse gerade bis zur nächsten Prüfung reichen und dann versiegen.

Der kognitivistische Ansatz betrachtet Lernen als einen vielschichtigen Prozess der Informationsverarbeitung, der Interpretation und der Bewertung des Informationsangebotes. Verändertes Verhalten basiert auf der intensiven Beschäftigung mit einem Thema. Die Wahrscheinlichkeit einer längerfristigen Reflexion eines so verarbeiteten Fachgebietes ist voraussichtlich höher als im ersten Fall.

Der konstruktivistische Ansatz betrachtet das Gehirn als relativ geschlossenes, sich selbst organisierendes System. Dieses System ist zu einem großen Teil mit sich selbst beschäftigt. Nur wenige Informationen und Reize werden von außen aufgegriffen und interpretiert. Wichtig scheint, daß von außen auf das Gehirn kein Einfluss genommen werden kann, sondern das Gehirn selbst nimmt Schallwellen oder Sinneseindrücke quasi neutral auf und interpretiert bzw. konstruiert sie permanent neu. Diese Interpretation erfolgt nach völlig individuellen Gegebenheiten, die aus Vorerfahrung oder sozialen Rahmenbedingungen herrühren und demnach von Person zu Person unterschiedlich sein können.

Etwas lernen bedeutet im konstruktivistischen Sinne: das Gehirn konstruiert aus Wahrnehmungen und Informationen eigene Netzwerke, die es mit vorherigen oder zukünftigen Eindrücken vergleicht, verändert, anpasst oder verwirft.

"In letzter Konsequenz heißt dies aber auch, daß die Vermittlung von Lernstoff oder Wissen im Sinne einer Übertragung nicht möglich ist." (F. Thissen, Lerntheorie und ihre Umsetzung in multimedialen Lernprogrammen, Manuskript S. 18)

Konsequenzen (top)

Wissensträger, die durch Präsentation ihrer Kenntnisse glauben, Wissen weiterzugeben, verkennen nach Ansicht der konstruktivistischen Forschung und Lehre die wahren Abläufe im Gehirn des potentiellen Wissensempfängers. Ihr Einsatz führt nur zufälliger Weise zu einem annähernd erwünschten Ergebnis.

Aus dem Gesagten könnte man leichtfertigerweise schließen, daß die Pawlowsche Methode bzw. das Modell des Nürnberger Trichters doch die beste sei, weil sie kurzfristig erkennbare Erfolge zeigt. In einer Welt, in der Entscheidungszyklen immer kurzatmiger werden, kurzfristige Meilensteinerreichung mehr gilt als langfristige Unternehmens- oder gar Persönlichkeitsentwicklung, könnte dies die Reaktion auf die ungewöhnlichen Vorstellungen der konstruktivistischen Denkansätze sein.

Wenn Wissen tatsächlich unvermittelbar sein sollte, dann dürfte es Wissensmanagementprojekte, die von einem herkömmlichen Wissenstransfer ausgehen, in naher Zukunft nicht mehr geben. Denn ein Projekterfolg müsste dann von vornherein in Frage gestellt werden.

Aber seien wir nicht pessimistisch, sondern optimistisch. Ergreifen wir die Chancen des

Konstruktivismus in der Kombination von realer und virtueller Welt. Nutzen wir doch das "Lernen wollen" aus, indem wir ein virtuelles Lernsystem zur Verfügung stellen, das nicht mehr eine führende und anleitende Funktion hat, sondern Anlässe, Anregungen, Hilfen bietet, das Berater und Begleiter im Lernprozess ist, das komplexe Umgebungen zur Verfügung stellt, mit deren Hilfe der Lernende sein Wissen und seine Fertigkeiten aufbauen und vertiefen kann. Ein System, das ganzheitliches Lernen ermöglicht, das sich nicht als Informationsanbieter versteht, sondern authentische Erfahrungen und Begegnungen mit einem Thema inszeniert und auf diese Weise dem Lernenden ein hohes Maß an Lernfreiheit aber auch an Eigenverantwortung für das Lernergebnis bietet. (F.Thissen, a.a.O., S. 18)

Niemand kann daran gelegen sein, daß Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen der Betriebe, insbesondere wenn es um so komplexe Fragen des unternehmensspezifischen Wissenstransfers geht, nur zu Scheinergebnissen führt. Wobei Schein hier durchaus mehrdeutig gemeint ist. Was nutzt das schönste Zertifikat, wenn am Ende doch nur Teilwissen, Verwirrung oder sogar Ratlosigkeit steht, die übrigen Arbeitskollegen oder/und der Lernende selbst in mühsamer Kleinarbeit das Ausbildungsziel nacharbeiten oder die Ausbildungsinhalte als weiterer Aktenordner mit buntem Schriftzug im Aktenschrank verschwinden. Wer an seine Schulzeit denkt und den zeitlichen Aufwand mit der Nachhaltigkeit des gelernten Stoffes im Alltag vergleicht, wird dem Begriff der Scheinwirklichkeit sicher eher zugeneigt sein. Während Schule aber als relativ kostenlos gilt, wird Aus- und Weiterbildung im Betrieb Teil der Gewinn- und Verlustrechnung.

Architekturmodell (top)

Die moderne Informations- und Kommunikationstechnik erlaubt es, den Ansatz des konstruktivistischen Lernens erfolgreich in die Betriebe zu tragen. Das "Architekturmodell des virtuellen Lernens" unterstützt die Lernwilligen, Betreuer aber auch die Entscheidungsträger bei der sach- und kostengerechten Umsetzung.

Der Begriff "Architektur" ist nicht ohne Grund gewählt. Aus der Sicht des Lehrstoffanbieters bedeutet es, einen Bauplan entwickeln und nutzen, der zu einem fertigen, funktionierenden Gebäude führt, das wiederum vom Lernenden, entsprechend seinen individuellen Wünschen und Möglichkeiten genutzt werden kann. Ist das Architekturmodell weitgehend allgemeingültig, so kann es im übertragenen Sinne zum Erbauen eines Einfamilien-, Mehrfamilien-, Geschäftshauses oder einer Produktions- und Lagerhalle genutzt werden.

Dabei sollte sowohl Konfektions- als auch Einzelfertigung möglich sein.

Wie in der klassischen Architektur müssen auch bei der Entwicklung von Lehrstoffen die anerkannten aber keinesfalls unveränderbaren Regeln der Bauforschung beachtet werden. Baustoffe müssen vorgegebenen Belastungen genügen wie beispielsweise ein Sprachentraining den grammatikalischen Grundregeln.

Darüber hinaus müssen z.B. Badezimmereinrichtungen vom Käufer genauso bezahlbar sein wie die Entwicklungs- und Nutzungskosten eines Simulationstrainigsprogrammes für angehende Chirurgen.

Als pädagogisches Rahmenmodell wird der konstruktivistische Lernansatz gewählt. Dieser geht in seinen Grundzügen davon aus, daß jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit, seine eigene Sicht der Dinge hat bzw. aufbaut und sich Erfahrungen, Verhaltensweisen, Wissen in der Person selbst entwickeln und nicht von außen "aufgezwungen" werden können. Der Lernende lernt durch das Suchen nach Wahrheit, durch Erweiterung und Veränderung seiner Sichtweisen. Konstruktivismus wird deshalb auch als Wahrheitsforschung bezeichnet.

Das Architekturmodell kann nur versuchen einen optimalen Rahmen zu schaffen, in dem sich der Lernende bewegt. Auch können Hilfen angeboten werden, die es ermöglichen, erkennbare Irrwege zu minimieren ("das Lernen lernen").

Mit dem konstruktivistischen Lernansatz wird das bisherige Denk- und Handlungsmuster umgedreht. Nicht der Wissensbesitzer soll sich Gedanken machen, wie er seine Kenntnisse und Erfahrungen weitergibt, sondern der Lernende und seine Betreuer müssen gemeinsam mit den bekannten oder noch zu identifizierenden Wissensträgern - Wege finden, ihre eigene Wirklichkeit zu entwickeln, dabei aber den ökonomischen, sozialen und gesellschaftlichen Ansprüchen (der Geldgeber) genügen.

Wissen gewinnen und umsetzen ist ein langfristiger Prozess, der eine vorausschauende Unternehmensstrategie unterstellt.

Bausteine (top)

Das Gesamtmodell setzt sich aus verschiedenen, vernetzten Bausteinen zusammen. Die Teilsegmente der Bausteine, die das virtuelle Gesamtobjekt beschreiben sollen, machen aber auch deutlich, daß der gesamte Lehr- und Lernprozess nur dann zu optimalen Ergebnissen führen wird, wenn traditionelle Vorgehensweisen mit in den Prozess einfließen.

Teilsegmente "Architekturmodell virtuelles Lernen"

von Jürgen Karad

  Merkmale Teilsegmente
1. Ergebnisoffenes Lernen  
2. Selbstverantwortung des Lernenden  
    hier: konstruktivistischer Bildungsansatz
    5 Lernstufen Modell nach Baumgartner/Payr
3. Definiertes Lernfeld/ Lernziel  
4. Didaktik des virtuellen Lernens  
    Lehrer/Dozenten
    Betreuer/Tutoren
    Lernende
    Lernphasenmodell (Döring 1997)
    Lernspirale
5. Anreiz- und Motivationssystem  
    Thema mit persönlichem Erfahrungsbezug
    Soziale und/oder wirtschaftliche Perspektive
    Arbeitsplatzsicherung
    Kooperatives Lernen
    Abenteuerlernspielplatz
    Toleranz gegenüber anderen konstruierten Wirklichkeiten
6. Technischer, virtueller Rahmen  
    Lernarbeitsplatz
    Tutorenarbeitsplatz
    gemeinsame(r) Lernort(e)
    Übungsräume/ Labors/ Simulation
    Bibliothek/ Informationsgewinnung/ Speicherung
    Treffpunkt(e)
    Verwaltung
    Datenschutz und Datensicherheit
    Lernfortschrittskontrolle
    Entwicklungsarbeitsplatz
    Produktionsumgebung
    Feedbacksystem Lerner - Wissensträger - Tutor
7. Betreuungssystem  
    Lernen
    Technik
    Lehrer/Betreuer
8. Qualitätskontrolle  
    Lehr- und Prüfungsstoff
    Feadbacksystem
    Lernfortschritt/Lernergebnis
    Präsentationssystem
    technisches Umfeld
9. Projekt-/Termin-/Budgetplan  
    Copyright Jürgen Karad, Lohmar 2002

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