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Taschengeldbörse Lohmar

Erfahrungsbericht
von Jürgen Karad, Projektleiter Taschengeldbörse
Projektstart: April 2012
Berichtsstand: August 2014

Auf Initiative der Seniorenvertretung Lohmar, unterstützt durch den Jugendausschusses in Lohmar (JaiL), wurde das Projekt „Taschengeldbörse“ entwickelt und unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters von Lohmar am 12.04.2012 der Presse präsentiert.



vlnr: W. Röger (Bürgermeister), J. Karad (SV Projektleiter), P. Kohl (JaiL-Vertreter), M. Martini (KSK GS Lohmar), U. Kirschbaum-Fitzek (Vors. Seniorenvertretung), K.-H. Bayer (SV Vertr. Projektleiter)

Startphase

Über spezielle Flyer, Poster für die Schulen, Anmeldeformulare und Internetauftritte wurden die Inhalte und der Ansprechpartner des Projektes kommuniziert. Im WDR-Fernsehen lief ein Beitrag zur Lohmarer-Taschengeldbörse.
Zudem wurde und wird in der Lokalpresse, den Lohmarer Seniorengruppen und dem Lohmarer Senioreninformationsdienst (SINFO)immer wieder auf das Angebot hingewiesen.

Die Idee

Die Idee von „TaBoeLo“ ist es, Schüler und Schülerinnen im Alter von 14 - 20 Jahren für einfache Tätigkeiten an Privathaushalte zu vermitteln. Durch den Kontakt zwischen den Generationen sollen beidseitige Vorurteile abgebaut sowie Interesse und Verständnis füreinander geweckt werden. Im Fokus der Lohmarer-Taschengeldbörse steht aber die Förderung der Sozialkompetenzen von Jugendlichen. Ihnen wird die Gelegenheit gegeben, eigene Stärken und Begabungen zu erkennen und hilfreiche Erfahrungen für ihre zukünftige Berufstätigkeit zu machen. Verbunden mit einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung können die Schüler und Schülerinnen zusätzlich ihre materiellen Anliegen verwirklichen.

Das Engagement der Jugendlichen im Rahmen von „TaBoeLo“ ist eine Art Nachbarschaftshilfe, die es Lohmarer Senioren ermöglicht, einfache Tätigkeiten abzugeben.

Als eine Art vertrauensbildende Maßnahme wurde den Senioren zugesichert, dass nur Jugendliche vermittelt werden, die dem Projektleiter persönlich bekannt sind. D.h. im Umkehrschluss, jeder Jugendliche, der sich bei der Taschengeldbörse anmeldet, muss sich persönlich vorstellen und wird erst nach diesem Gespräch in das Projekt aufgenommen.

Vorgehensweise

Während Jobangebote von Senioren in der Regel fernmündlich erfolgen, müssen Jugendliche ein Anmeldeformular ausfüllen (erhältlich im Rathaus, Villa Friedlinde oder im Internet).In dem Anmeldeformular werden neben den persönlichen Daten Informationen zu gewünschten Einsatzgebieten, -zeiten sowie räumliche Verfügbarkeit abgefragt. Jugendliche unter 18 Jahren müssen zudem die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten vorweisen. Die Stadtverwaltung nimmt die Anmeldungen entgegen und leitet sie an den Projektleiter weiter.

Risikoabsicherung

Eine spezielle Versicherung für die Jugendlichen gibt es nicht. Die Seniorenvertretung selbst kann niemand versichern. Sie ist ein durch Urwahl gewähltes Organ ohne eigenes Budget. Eine Versicherung durch die Landesversicherung für Ehrenamtler kommt ebenfalls nicht infrage, denn die Taschengeldbörse ist ja gerade darauf ausgelegt, dass Jugendliche für die Nachbarschaftshilfe ein kleines Entgelt bekommen. Außerdem hat die Erfahrung gezeigt, dass die spezielle Versicherung des Landes für ehrenamtlich Tätige – wie z.B. die gewählten Vertreter der Senioren - nichts mehr ist als heiße Luft.
Es wird davon ausgegangen, dass die Jugendlichen über ihre Eltern kranken- und haftpflichtversichert sind.

Bezahlung

Eine Mindestentlohnung für diese Art Nachbarschaftshilfe von 5 Euro pro Stunde wird unterstellt und entsprechend kommuniziert. Natürlich hat niemand etwas dagegen, wenn zufriedene Senioren mehr geben.
Die Vorgabe eines Mindeststundenlohns hat sich bewährt. Senioren haben verständlicherweise keine Erfahrung bei der Frage, was gibt man den Jugendlichen, und bei den Jugendlichen wird keine falsche Erwartungshaltung erzeugt. Die Erfahrung zeigt, häufig beginnen die Senioren mit dem vorgegebenen Betrag. Sind sie dann zufrieden, kann sich schon mal der Wert erhöhen.

Versicherungspflichtige Tätigkeiten werden nicht vermittelt. Mit Ausnahme der Vermittlung von Babysittern werden ausschließlich Jobs von Senioren angenommen und an Jugendliche übertragen.

Der Startzeitpunkt für das Projekt war insofern gut gewählt, weil die Gartensaison jeweils am Anfang steht und es dadurch vor allem Nachfrage nach Unterstützung für Gartenarbeit (Rasen mähen, Unkraut beseitigen, Laubreste entfernen gab. So konnten relativ schnell Jobangebote generiert und die ersten Jugendlichen mit Aufträgen versorgt werden. Diese kurzfristig erzeugten Vermittlungserfolge sprachen sich schnell bei anderen Senioren und in den Schulen herum, sodass weitere Anfragen und Bewerbungen eingingen.

Psychologische Hemmschwellen

Zuzugeben, dass es schwer fällt, den eigenen Garten wie bisher zu pflegen, ist ein schwerer Schritt für jeden Senior bzw. für jede Seniorin. Dann den Projektleiter „Taschengeldbörse“ anzurufen und um Unterstützung zu bitten, schon eine kleine Überwindung.
Die Tatsache, dass nur persönlich vom Projektleiter ausgewählte Jugendliche Aufgaben übernehmen können, hat sicherlich dazu beigetragen, die Hemmschwelle zu verringern. Dass es sich um Arbeiten außerhalb des eigenen Wohnbereiches handelt, war sicherlich ein positiver Verstärker bei den ansonsten gegen Fremde sehr vorsichtigen Senioren.
Die positiven Erfahrungen der in der Anfangsphase am Projekt beteiligten Senioren haben, über Mundpropaganda, sicherlich zu einer zweiten Nachfragewelle geführt. Jetzt wurden auch Jobs angeboten, die innerhalb der eigenen vier Wände durchgeführt werden sollten: z.B. Computerhilfe, Fenster putzen, Staub saugen / wischen, Möbel versetzen, Keller ausräumen (nach Hochwasserschäden).
Schwerpunkt auch nach zwei Jahren Taschengeldbörse ist und bleibt die Gartenarbeit.
Mundpropaganda ist natürlich auch ein wichtiger Faktor bei den Jugendlichen. Das erkennt man bei der Frage, aus welcher Schulklasse sie kommen. Aber auch an der Tatsache, dass sich die jugendlichen Bewerber durchaus bewusst sind, dass es hier um zum Teil schweißtreibende Arbeit geht.

Ortsnahe Vermittlung

Lohmar ist ein langgezogener Ort mit vielen kleineren und größeren Ortsteilen im Tal aber auch auf den Höhen. Eine zweite Herausforderung – nach Anwerbung von Jobanbietern und Jugendlichen – besteht deshalb darin, die Jugendliche möglichst ortsnah zu vermitteln. Jugendliche in diesem Alter haben in der Regel kein Auto, kein Mofa und leider oft auch kein Fahrrad. Deshalb gibt es auf dem Anmeldebogen auch einen Abschnitt, bei dem die Jugendlichen angeben können, in welchen Ortsteilen sie aktiv werden wollen. Nachdem sich inzwischen ca. 150 Jugendliche bei der Taschengeldbörse angemeldet haben, ist das Problem der räumlichen Nähe nicht mehr so gravierend. In Einzelfällen holen die Senioren die Jugendlichen zu vereinbarten Zeitpunkten ab und bringen sie anschließend wieder zurück. Dort wo das nicht geht, ist eine Vermittlung leider nicht möglich.

Ich bewundere alle Senioren, die sich überwinden und mich anrufen. Dass am Ende vielleicht nur ein Anrufbeantworter für den Erstkontakt steht, ist eine weitere Hürde. Ich bewundere aber auch die Jugendlichen, die für die Taschengeldbörse aktiv werden. Wenn man sieht, welche zeitliche Beanspruchung den heutigen Lernenden abverlangt wird, oft 16:00 Uhr Schulschluss plus anschließenden Bustransfer in den Heimatort, der versteht, warum ich stolz auf die Jugend bin.

Ablauf einer Vermittlung

Der Ablauf einer Vermittlung verläuft immer nach dem gleichen Schema ab:
Anruf eines Seniors bzw. einer Seniorin,
Aufnahme der Daten des Jobanbieters und dessen Anforderung,
Festlegung des Ortsteils, in dem der Jobanbieter Hilfe benötigt,
Festlegung Einzugsgebietes, aus dem Jugendliche die Aufgabe räumlich übernehmen können,
Selektion der Jugendlichen aus dem Einzugsgebiet, die mit ihrem Angebotsprofil dem Job entsprechen,
Erstellung eines Email-Verteilers und eines Emails, Inhalt: neutrale Beschreibung des Angebotes,
Versand,
Rückmeldung der Jugendlichen, die den Auftrag übernehmen wollen.
Derjenige Jugendliche, der sich als erster meldet, bekommt die Daten des Jobanbieters.
Nun liegt es am Jugendlichen, sich unmittelbar mit dem Jobanbieter in Verbindung zu setzen und den Ersttermin auszumachen.
Der Jobanbieter bekommt von der Taschengeldbörse keine Information, dass seine Adresse weitergegeben wurde. Der Jugendliche soll selbst aktiv werden.
Hat er es sich anders überlegt, informiert er den Projektleiter.
Der kann dann den nächsten auf der Rückmeldungsliste ansprechen oder das Verfahren aufs Neue starten.
Ist der Kontakt zwischen Jobanbieter und Jugendlichem hergestellt, soll der Jugendliche den Projektleiter informieren, damit hier der Vorgang abgeschlossen werden kann.
Jobanbieter werden nur sporadisch vom Projektleiter angesprochen, um den Erfolg der Vermittlung zu prüfen.
Die Abrechnung der geleisteten Stunden und die Bezahlung liegen ausschließlich in den Händen der beiden direkt Betroffenen. Manchmal übernehmen auch die Kinder bzw. Enkelkinder des Jobanbieters die Abrechnung und Auszahlung.

Projektkosten

Die Taschengeldbörse verursacht unmittelbar keine Kosten.
Die Tätigkeit des Projektleiters erfolgt ehrenamtlich.
Telekommunikationskosten entstehen keine gesonderten.
Sofern Anmeldungen bei der Stadt Lohmar eingehen werden sie per Post an die Anschrift des Projektleiters weitergeleitet, d.h. hier entstehen geringe Portokosten.
Die notwendigen Formulare und Informationsflyer werden über Zuschüsse von örtlichen Unternehmen finanziert.
Der Internetauftritt der Taschengeldbörse erfolgt im Rahmen der Lohmar-Domain. Dank eigener Zugriffsrechte übernehmen der Projektleiter und der Schriftführer der Seniorenvertretung die Aktualisierung selbst.

Facit
Die Taschengeldbörse hat eindeutig zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Jung und Alt beigetragen. Gegenseitige Vorurteile und Ängste konnten abgebaut werden. Teilweise sind sehr persönliche, intensive Verbindungen, ja sogar Freundschaften entstanden.

Jürgen Karad, 15.08.2014


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