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Ambulante und stationäre Versorgung im Rhein-Sieg-Kreis 2020

von Jürgen Karad, Lohmar 2020

Die nachfolgenden Aussagen beziehen sich auf den vom Rhein-Sieg-Kreis vorgelegte Entwurf eines Pflegeplans 2019 für den Rhein-Sieg-Kreis. Überwiegend basiert der Bericht jedoch auf Daten von IT.NRW, die mit den Zahlen von Dez. 2017 enden und auf Vergleichszahlen mit Werten aus dem Jahr 2013. Dass diese Datenbasis für eine Bestands- und Zukunftsanalyse Mitte 2020 nicht unbedingt zufriedenstellt, ist nachvollziehbar. Die Kritik wird abgemildert, weil eigene Erhebungen in die Betrachtung eingeflossen sind.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass die im letzten Jahrzehnt aufgezeigten kritischen Faktoren sich nicht wesentlich verändert, ja sogar teilweise dramatische Ausmaße angenommen haben.

Der Anteil der Älteren an der Gesamtgesellschaft steigt.
Immer mehr Menschen werden 80, 90 ja sogar 100 Jahren alt.
Die Wahrscheinlichkeit,dass diese Altersgruppe externe Unterstützung benötigt, ist hoch.
Der vom Gesetzgeber vorgegebene Grundsatz „ambulant vor stationär“ wird in vielfältiger Weise durch gesetzliche Maßnahmen wie z.B. durch Anerkennung demenzieller Erkrankungen oder durch finanzielle Unterstützung von Tages- und Kurzzeitpflege unterstützt.

Dem wachsenden Bedarf an Unterstützungsleistungen folgt das Angebot an Dienstleistungen nicht.
Die Hauptgründe für das fehlende Angebot sind:

  • Personalmangel bei den ambulanten Diensten.
  • Personalmangel bei den stationären Einrichtungen (Krankenhäuser, Altenpflegeheime).
  • Nachwuchsmangel (zudem hohe Abbrecherquote bei Auszubildenden).
  • Erheblicher Mangel an
  • Betreuungsplätzen sowohl stationär als auch ambulant (Tages-, Kurzzeit- und Langzeitpflegeplätze,
  • Verlust von Pflegeplätzen durch landesgesetzliche Vorgaben in NRW).
  • Mangelnde Bereitschaft für Neuinvestitionen u.a. wegen fehlender Bauplätze.
  • Hoher bürokratischer Aufwand sowohl beim Bau als auch beim Betrieb von Pflegeeinrichtungen.
  • Hohes finanzielles Risiko bei Neubau und Betrieb.
  • Die Zahl an pflegenden Angehörigen nimmt demografiebedingt ab, das verstärkt den Bedarf an externer Unterstützung.


  • Die Aussage im Pflegeplanentwurf, dass der Anteil der durch einen ambulanten Pflegedienst betreuten Personen leicht rückläufig ist und die Zahl der Bewohner in stationären Einrichtungen sogar stärker rückläufig ist, hier scheint der Grundsatz „ambulant vor stationär“ zu greifen, halte ich aus der Sicht der zu Betreuenden und der pflegenden Angehörigen für falsch.
    So sind Mitnahmeeffekte beim Pflegegeld (Putzfrau per Entlastungsbetrag) wahrscheinlich. Schlimmer: wenn Anfragen bei ambulanten Pflegediensten zurückgewiesen werden, weil qualifiziertes Personal fehlt oder Anfragen bei Pflegeeinrichtungen erfolglos bleiben, weil die Bettenkapazitäten in den Pflegeeinrichtungen durch gesetzliche Vorgaben (80-Betten-Regel) bewusst verringert wurden.

    Entsprechend der Umfrage des Rhein-Sieg-Kreises in 2018 stehen bei den ambulanten Diensten den statistisch errechneten 640 Pflegefachkräften 135 unbesetzte Stellen gegenüber. Bei den Pflegehilfskräften stehen den 271 Mitarbeitern 87 offene Stellen gegenüber. In den stationären Einrichtungen sind umgerechnet 1.065 Pflegekräfte beschäftigt und 57 Stellen sind unbesetzt. Bei den Pflegehilfskräften stehen umgerechnet 944 Kräften 20 unbesetzten Vollzeitarbeitsplätze gegenüber.

    Nach Berechnungen des Rhein-Sieg-Kreises standen Ende 2018 im Rhein-Sieg-Kreis 5.552 Pflegeplätze zur Verfügung. Bis 2040 steigt aber die benötige Platzzahl auf 10.821.
    Es ist unschwer zu erkennen, dass – unabhängig von der normalen Personalfluktuation – ca. 2.000 Pflegefach- und Pflegehilfskräfte zusätzlich benötigt werden, die in 62 neu erbauten Pflegeeinrichtungen aktiv werden müssten.
    Auch die Kapazitäten der ambulanten Dienste müsste längerfristig fast verdoppelt werden, um angemessen auf die Nachfrage reagieren zu können.
    Die derzeit in Ausbildung befindlichen 360 Personen reichen hier zur Kompensation bei weitem nicht aus.

    Aus meiner Sicht erscheint es dringend, dass der Rhein-Sieg-Kreis sich stärker und unmittelbar in die Organisation und Ausbildung der Pflegefach- und Pflegehilfskräfte einbringt. Die neue Ausbildungsordnung erfordert eine enge Kooperation zwischen den unterschiedlichen Ausbildungsstationen der mehrjährigen Ausbildung. Diese Koordinierung kann aus unserer Sicht nur der Kreis erfolgreich bewältigen.

    Lohmar

    Die Entwicklung der Lohmarer Bevölkerung unterscheidet sich von der des gesamten Rhein-Sieg-Kreises nicht wesentlich. Auch hier nimmt der Anteil an Seniorinnen und Senioren stetig zu und der Anteil an über 80jährigen wächst überproportional. Die in Lohmar angezeigten 252 Pflegeplätze reichen schon heute nicht aus. Ein erstes, zusätzliches Pflegeheim, das in 2020 eröffnet werden sollte, ist im Gestrüpp der lokalpolitischen Interessen untergegangen.

    Laut vorliegendem Entwurf des Pflegeplanes geht man für die Stadt Lohmar im Jahr 2040 von 540 benötigten Pflegeplätzen aus – dies entspräche etwa 3 neuen Pflegeeinrichtungen. Auch die Zahl der ambulant zu versorgenden Pflegebedürftigen dürfte sich in etwa verdreifachen. Wenn auch die eigenen Berechnungen nicht ganz so dramatisch aussehen, so bleibt die Lage doch äußerst kritisch.
    Wenn man zusätzlich konstatieren muss, dass Tagespflegeangebote nicht existieren und Kurzzeitpflegeplätze nur auf dem Papier stehen und dass die medizinische Versorgung im hausärztlichen und fachärztlichen Bereich mangels Nachfolger vor Ort zunehmend kritisch wird, kann die gesamte pflegerische Versorgungslage für Lohmar nur als bedenklich bezeichnet werden.
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    Jürgen Karad 06.07.20209

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