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Wie läßt sich die ärztliche Versorgung in Lohmar sichern?

von Jürgen Karad, Lohmar 2020

Neben der ambulanten und stationären Versorgung gerät nun auch die hausärztliche Versorgung der Lohmarer Bürger an ihre kritische Grenze.

Wie man den Unterlagen der Kassenärztlichen Vereinigung entnehmen kann, ist das Ziel, dass pro Hausarzt 1.900 Patienten betreut werden. In Lohmar hat aber schon jetzt jeder Hausarzt statistisch 2.870 Patienten zu versorgen. Much als Beispiel hat ähnliche Probleme wie Lohmar, Siegburg dagegen kann sich über eine Vielzahl von ärztlichen Praxen freuen. Hier betreut statistisch gesehen, 1 Hausarzt 1.800 Kunden.

Insbesondere Neubürger müssen feststellen, dass die bestehenden Praxen Aufnahmesperren haben. Von Seiten der Kassenärztlichen Vereinigung sind da keine Hilfen zu erwarten. Wer zuviel arbeitet, wird am Ende des Geschäftsjahres sogar mit Rückforderungen der KV konfrontiert. Der Weg in die Gemeinschaftspraxen in Siegburg oder Troisdorf sei vertretbar. Das halte ich, insbesondere für bewegungseingeschränkte ältere Mitbürger, nicht für hinnehmbar.

Die aktiven Allgemeinmediziner sind an ihrer physischen Grenze angelangt. Fällt nur einer/eine aus, dann ist eine geregelte medizinische Versorgung nicht mehr möglich. Wenn Patienten schon mehr als eine halbe Stunde brauchen, bis sie bis zur Rezeption vorgedrungen sind, weil ein anderer Arzt mal Urlaub macht, dann sind das deutliche Anzeichen einer Krise.

Die möglichen Praxislizenzen auszunutzen, ist das dringliche Gebot der lokalen Politik. Das ist aber leichter gesagt als getan.

Auch in anderen Orten, insbes. im ländlichen Raum, fehlen Mediziner. Zudem werden auch Krankenhausärzte und Praxisbetreiber in Ballungsgebieten älter und suchen nach Nachfolgern.
Nach Informationen der Landarztbörse von Ende Juni 2020 wollen 1.173 Ärzte ihre Praxis abgeben (siehe auch: https://www.landarztboerse.de/). Ca. 1.900 Gemeinden suchen einen Arzt. Ob die kleinere Zahl in der größeren enthalten ist, kann ich leider nicht nachprüfen. Im Ergebnis heißt das aber: Jeder, der sein Studium beendet hat, kann demnach unter den zahlreichen Angeboten auswählen. Von der attraktiven Konkurrenz durch Krankenhäuser, Stadtpraxen oder Gemeinschaftspraxen ist dabei überhaupt noch keine Rede gewesen.

Aus meiner Sicht muss man deshalb schon schwere Geschütze auffahren, um junge Ärzte/-innen nach Lohmar zu locken.

Probleme bei der Nachfolgesuche

Lohmar gilt als ländlich, hat also die gleichen Grundprobleme wie Windeck oder andere Orte im Hinterland, weil bei Neueinsteigern unbeliebt. Das ist m.E. vordringlich ein Imageproblem, das mit entsprechendem, gezielten Werbeeinsatz auf längere Sicht reduzierbar sein sollte.

Wer sich auf Kandidatensuche begibt, muss sich auf folgende Probleme gefasst machen:
Ein Gewirr an standesrechtlichen, gesetzlichen und bürokratischen Vorgaben.
Das erhebliche und noch zunehmende Überangebot an freiwerdenden Arztstellen und Arztpraxen erlaubt es den zukünftigen Bewerbern eine breite Palette an Auswahlmöglichkeiten. Wenn selbst die Überlassung einer florierenden Praxis zum Nulltarif keinerlei Interesse erweckt, dann ist das ein eindeutiges Alarmsignal.
Überzogene Ansprüche der Bewerber. Zumeist ausgelöst durch überhöhte Bezahlung durch Krankenhäuser. Zum Teil erhalten Ärzte in Ausbildung von den Krankenhäusern das Doppelte des Tariflohns.
Bewerber in der Praxisphase erwarten deshalb auch vom Hausarzt zwischen 6.000 bis 8.000 Euro für (teilweise nur) Halbtagstätigkeit.
Bewerber sind in der Regel nicht bereit, das Risiko der Selbständigkeit einzugehen.
Lebensqualität in Form von geregelter 40-Stunden-Woche und planbarer Freizeit wird bevorzugt.
Das Selbständigen-Modell ermöglichte früher zwar vielen Medizinern ein sehr gutes Einkommen, allerdings waren damit teilweise exorbitante Arbeitszeiten verbunden sowie die Verantwortung für komplizierte Abrechnung mit den Krankenkassen. Während die langen Arbeitszeiten und die immer komplexeren Abrechnungssysteme auch weiterhin ein Problem sind, sinken nun auch noch die Gewinnspannen der Arztpraxen.
Immer neue gesetzliche Vorgaben erschweren die Arbeit. Beispiel: Einführung von Terminservicestellen. (siehe auch: GKV-Versorgungsstärkungsgesetz) Ärzte müssen 5 Stunden pro Woche für Termine der Vergabestelle freihalten. Bei einer täglichen Arbeitszeit von 10 bis 12 Stunden zwingt diese Vorgabe dazu, die sonstige ärztliche Versorgungstätigkeit einzuschränken. Die ersten Opfer dieser Politik sind Personen, die neu nach Lohmar ziehen oder deren alter Hausarzt die Praxis altersbedingt aufgibt. Sie finden keinen Hausarzt mehr.

Wenn junge Ärzte lieber in einer Gemeinschaftspraxis als angestellte Ärzte arbeiten wollen, dann bietet es sich an, ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) mit Schwerpunkt Allgemeinmedizin oder einer vergleichbaren organisatorischen Verbundlösung zu gründen. Die gute, alte Poliklinik ist ein positives Beispiel, das ruhig wieder zum Leben erweckt werden könnte. (Die Überheblichkeit der Wessis ist an der Stelle völlig unangebracht). Damit könnte dem Trend entsprochen werden, dass Mediziner lieber angestellt sein wollen als das Risiko der Selbständigkeit einzugehen.

Die Aufgabe der Stadt muss es sein, in den Prozess von Angebot und Nachfrage nachhaltig einzugreifen. Der freie Markt wird das Problem nicht lösen.

Es gilt, aktiv sowohl in der finanziellen wie auch organisatorischen Gründungsprozesses eines MVZ's einzusteigen. Dazu gehören:
1. Eine zentrale Steuerung der Prozesse - ein Ansprechpartner für alle Anliegen.
2. Eine akquisitorische Initiative in den Fachmedien, die die Vorzüge der stadtnahen Wohn- und Lebenslage von Lohmar aufzeigt und die Hemmschwelle der jungen Fachkräfte in den ländlichen Raum zu wechseln aufweicht.
3. Die Bereitstellung von geeigneten Praxisräumen in der Größenordnung von 160 bis 180 qm, ebenerdig oder mit Personenaufzug.
4. Die Abfederung von finanziellen Risiken in der Startphase von Praxisgründungen.
5. Die Unterstützung bei der Wohnungssuche von Praxisgründern und ihren Mitarbeitern.
Daneben gilt es, Interessenten für eine Einzelpraxis quasi bis zur Schmerzgrenze zu pampern. Bewerber sollten in allen Informations- und Entscheidungsphasen das Gefühl haben, hier bin ich richtig.
Der Vorschlag, ein Ärztemobil zur Versorgung im ländlichen Raum einzusetzen, ist bedenkenswert. Den Arzt, der sich darauf einlässt, möchte ich sehen. Die Hoffnung, dass Telematikanwendungen über 5 G Standard Entlastung bringen, erscheint optimistisch. In einigen Vororten ist teilweise nicht einmal normales Surfen im Internet möglich.
Keine leichte Aufgabe in dem völlig überhitzten Markt. Den Kopf in den Sand stecken hilft aber auch nicht.
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Jürgen Karad 09.07.20209

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