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Vom normativen zum interpretativen Weltbild

- neue Wege in die Wissensgesellschaft -

von Jürgen Karad, Lohmar 2002

Die Frage "Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben?" (siehe Artikel) hat deutlich werden lassen, daß es nach Auffassung der Konstruktivisten nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern jeder Mensch seine eigene Wahrheit konstruiert.

Zwangläufig drängt sich die Frage nach der Funktionsweise des Gehirns auf, denn dort wird wahrscheinlich doch wohl das Zentrum liegen, in dem diese Wahrheitskonstruktion erfolgt.

 
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Das menschliche Gehirn

Wie arbeitet unser Gehirn? Gibt es so etwas wie bewusstes Handeln?

Wenn man der neuesten Gehirnforschung glauben kann, ist es zumindest zweifelhaft, ob der Mensch ein selbstbestimmtes Wesen ist. Was bleibt aber übrig, wenn wir uns selbst ein selbstbestimmtes Leben absprechen. Ich kann und will dies nicht glauben.

Das Netzwerk Gehirn ist ein faszinierendes Gebilde, wenn man es unter einem Mikroskop betrachtet. Angeblich verfügt der Mensch über mehr als 100 Millionen Sinneszellen, mit denen er auf äußere Reizungen reagieren kann. Gleichzeitig verfügt unser Nervensystem über 10.000 Milliarden Synapsen, also quasi interne Stromkreisregler, die Impulse des Nervensystems hemmen oder fördern. Elektrische Spannungen ableiten, verstärken und aufzeichnen. Das gesamte Nervensystem ist so organisiert - oder organisiert sich selbst so -, daß es sich eine stabile Wirklichkeit errechnet. Schon das angesprochene Verhältnis von Sinneszellen und Synapsen macht deutlich, daß sich unser Gehirn im wesentlichen mit sich selbst beschäftigt. Gegenüber Änderungen unserer inneren Umwelt sind wir ca. 100.000 mal empfänglicher als gegenüber Änderungen in unserer äußeren Umwelt.

Die elektrischen Signale werden z.B. von Lichtsinneszellen empfangen und in tiefere Schichten weitergeleitet. Dort werden sie mit anderen Netzwerkteilnehmern (Synapsen, Neuronen) verbunden und z.B. zu Farben oder Formen verarbeitet.

Wollen wir demnach erreichen, daß wir das relativ stabile, sich selbst organisierende Gleichgewicht des Nervensystems längerfristig verändern, so müssen wir einseits zunächst überhaupt erreichen, daß wir die verschiedenen Schichten des Nervensystems überwinden und andererseits das Synapsensystem in eine veränderte wiederum relativ stabile Lage versetzen.

Vergleichbar vielleicht dem Seetang, der je nach Meeresströmung so aussieht als würde er in eine Richtung zeigen. Erst der Wechsel der Meeresströmung - ausgelöst durch die unterschiedliche Anziehungskraft des Mondes - verändert die Gesamtansicht.

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Folgen für die Aus- und Weiterbildung?

Der Seetang hat offensichtlich erkannt, daß er am besten fährt, wenn er wie alle anderen sich dem Treiben der Meeresströmung hingibt.

Dabei geschieht etwas, was auch im Nervennetzwerk geschieht:

1. Auf der Grundlage des Vorwissens werden bestimmte Verhaltensweisen organisiert.

2. Dieses Vorwissen basiert in wesentlichen Teilen auf dem Vergleich mit anderen handelnden Akteuren.

3. Dieses Vergleichen und Abgleichen mit dem eigenen Erfahrungswissen - mit der eigenen konstruierten Wirklichkeit - geschieht beim Menschen im wesentlichen durch Dialog und Kommunikation.

Sind diese Aussagen richtig, dann folgt daraus, daß die Erwachsenenpädagogik (die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen mag anderen Kriterien entsprechen) sich neue Grundmuster suchen muß.

Es ist nicht mehr die Macht des Faktischen, das normengeprägte Weltbild, das die Weiterbildung aber auch z.B. die Managemententwicklung oder die Organisationsentwicklung bestimmt, sondern das interpretative Weltbild gewinnt an Gewicht und Einfluß.

Stichworte für diese Wende der Wahrnehmung sind der Abschied von einem technologischen Machbarkeitswahn und Aufwertung von Selbstorganisation, der Abschied von dogmatischen Wahrheitsansprüchen und Anerkennung einer Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen, die ich mit dem Stichwort "Toleranz" charakterisiert habe und der Abschied von der Informationsgesellschaft hin zu einer Kommunikations- und Lerngesellschaft.

Das dialogische Prinzip übergibt dem Lernenden die Verantwortung für den Lernprozess und dessen Ergebnisse und stellt zudem die Lerngruppe in den Mittelpunkt.

Auch in der virtuellen Welt gilt es, diesen dialogischen Prozess zu fördern und nachzubilden.

Vielleicht ist der Wandel der Ansichten ja auch nur ein Reflex auf das Überangebot an Informationen und Daten. Im bisherigen Bildungssystem gab es eine mehr oder weniger feste Vorstellung davon, was ein gebildeter Mensch wissen oder können sollte.

Das vergangene Jahrhundert hat eine solche Flut an neuen (und alten) Erkenntnissen gebracht, haben moderne Techniken für eine derart schnelle Verbreitung dieser Erkenntnisse gesorgt, daß sich der scheinbar allgemeingültige Wissenskanon in einen unüberschaubaren Wissens- und Informationsteppich verwandelt hat.

Dem Überangebot kann man teilweise nur dadurch begegnen, daß man von der traditionellen Wissensvermittlung abgeht und dem Lernenden versucht beizubringen, wie sie Lernen lernen. Also dem Lernenden beibringt, wie er sich selbst und das Lernfeld organisiert, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Was tun wir aber in einem solchen Wandlungsprozess vom normativen zum interpretativen Weltbild mit den Verfechtern herkömmlicher Ansichten und Verfahrensweisen?

Wir reden immerhin über ein Heer von Pädagogen, Bürokraten, Bildungspolitikern, Zertifikatsträgern, die im alten System groß geworden und durchaus erfolgreich sind.

Wir reden über Status- und Positionsbesitzer in den Unternehmen, die durch das Prinzip "Wissen ist Macht" zu Ansehen und Wohlstand gekommen sind.

Wir reden über Machtpositionen in Staat und Gesellschaft, die erst durch feinsinnige Definitionen von Wahr und Unwahr, Recht und Unrecht, Krieg und Zerstörung entstanden sind.

Ihnen gegenüber kann eigentlich nur das Prinzip Hoffnung helfen. Der Dialog, das positive Beispiel, am besten noch der wirtschaftliche Erfolg.

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Virtuelle Bildung und Konstruktivismus

- eine erfolgversprechende Symbiose

Virtuelle Bildung, hier verstanden als Wissenserwerb mit Hilfe von vernetzten, computerunterstützten Lernumgebungen, kann zunächst auch nicht mehr sein als traditioneller Bildungserwerb. D.h. auch in diesem Fall muß der Lernende im Sinne des konstruktivistischen Lernansatzes sich sein Wissen selbst konstruieren und in seinem Sinnesnetzwerk so verankern, daß es später wieder genutzt werden kann.

Aber virtuelle Bildung kann Grenzen überwinden:

Aber - ob virtuell oder klassisch - in beiden Fällen muß der Lernende aktiv werden, lernen wollen. Virtuelle Lernumgebungen können den Lernenden nur unterstützen, ihn anregen, ihm die Möglichkeit der intensiven Beschäftigung mit einem Thema geben, ihm durch Simulation, Planspiele und Vorgabe von Mikrowelten an Realitäten heranführen oder ihm neue, nie dagewesene Dialogmöglichkeiten eröffnen. Gerade der dialogische Aspekt unterscheidet virtuelles, konstruktivistisches Lernen von klassischen Verfahren wie etwa CBT (Computer Based Training).

(Teilweise in Anlehnung an das Buch von Klaus W. Döring/Bettina Ritter-Mamczek "Lernen und Trainieren in der Weiterbildung", Weinheim 1997)
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Wissensmanagement in der virtuellen Welt: Überlegungen zum Thema "virtuelles Lernen"

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