E-Learning ist kein Allheilmittel
Lernportale alleine genügen nicht Seminare sind weiter gefragt. Die Vielseitigkeit eines Full-Service-Angebots entscheidet über den Lernerfolg der Mitarbeiter. Fühlen die sich überfordert, gelangweilt oder gar ausspioniert, ist von vornherein alle Mühe vergebens.
Lebenslanges Lernen heißt das Konzept, nach dem Wissen in Zukunft immer wieder aufgefrischt werden muss. Kostengünstig und effizient umgesetzt werden könnte die Vision mit Hilfe von E-Learning einem Schlagwort, das schon seit Jahren in aller Munde ist und für das Lernen am Computer und im Internet steht. Und selbst wenn sich heute die Unternehmen angesichts der Konjunkturflaute mit Investitionen in Weiterbildungskonzepte halten, die deutschen E-Learning-Anbieter sind optimistisch: Nach einer Vergleichsstudie bezeichnen 70 Prozent ihre Absatzchancen als gut bis ausgezeichnet. Die Unternehmensberatung Mummert + Partner schätzt, dass »der Markt in den kommenden Jahren um jährlich 100 Prozent wachsen und bis 2004 europaweit ein Volumen von mehr als vier Milliarden US-Dollar aufweisen wird.« Allein in Deutschland werden mit webbasiertem Lernen in diesem Jahr mehr als eine halbe Milliarde Euro umgesetzt, prognostiziert eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums.
Die neuen Trends beim E-Learning
Insgesamt spiegelt das Segment E-Learning einen Trend wider, der sich zurzeit durch die gesamte IT-Landschaft zieht: Nicht mehr die IT-Abteilungen geben mit Hilfe ihres technischen Know-hows die Ziele vor, sondern die Techniker müssen sich heute an der Unternehmensstrategie ausrichten. Darüber hinaus wurden früher die Möglichkeiten von E-Learning durch vorinstallierte Hard- und Software bestimmt, währende heute viele Initiativen von den Fachabteilungen ausgehen. Genau wie in anderen Branchen gilt nun: Gibt es eine benötigte Anwendung nicht, dann muss sie eben entwickelt werden. Die Lernenden können so mitbestimmen, welche Technik zum Einsatz kommt und sichergehen, dass sie ihren Anforderungen entspricht. Der Vorteil: Gingen frühere E-Learning-Projekte schon im Ansatz am Lernziel vorbei, da sie nicht von den zuständigen Fachabteilungen aufgesetzt wurden, ist das nun nicht mehr der Fall.
In kaum einem Unternehmen gilt E-Learning heutzutage noch als Allheilmittel für Wissenslücken. Fast überall setzen die Anwender jetzt statt auf rein computerbasiertes Training auf das so genannte Blended Learning, die Kombination von E-Learning und Präsenzseminaren, also Schulungen im herkömmlichen Sinn.
Das hat zwei Gründe: Zum einen hat sich der Lernerfolg bei dieser Kombination als besonders nachhaltig erwiesen. Zum anderen ist eine externe Schulung oft ein Bonbon, das Mitarbeiter motiviert, die gerne mal aus dem Arbeitsalltag herauskommen möchten. Zudem ist es neben der normalen Arbeit im Büro nicht immer möglich, sich auf ein Lernprogramm zu konzentrieren. In diesem Fall hilft auch das so genannte Learning on demand. Hat ein Mitarbeiter im Büro eine konkrete Frage, zum Beispiel wie ein Serienbrief erstellt wird, kann er sich kurz das passende Lernprogramm ansehen und das erworbene Wissen direkt umsetzen. Die Hilfefunktion vieler Computerprogramme ist ein Vorläufer dieses Lernsystems. Der Clou dabei ist, dass alles Wissen modular, das heißt in kleinen Häppchen zur Verfügung gestellt wird.
Banken und Finanzdienstleister führen europaweit die Liste der Branchen an, die E-Learning einsetzen. Den zweiten Platz teilen sich mit deutlichem Abstand die IT-Branche und die Weiterbilder. Ein Beispiel für ein erfolgreiches E-Learning-Portal in der Finanzwelt ist das Online-Trainingscenter der Deutschen Börse AG.
Dort können Privatanleger, Börsenprofis und Händler ihr Wissen rund um den Kapitalmarkt erweitern. Das Angebot reicht von Aktien-Lernprogrammen über Infos zum Terminmarkt bis zu Vorbereitungskursen für die Börsenhändlerprüfungen. Mit dem breit gefächerten Angebot verfolgt die Deutsche Börse zwei Ziele: Sie will zum einen neue Zielgruppen, vor allem Privatanleger, erreichen. Zum anderen will sie ihren Service für die angeschlossenen Börsenteilnehmer optimieren. Das Portal eröffnet internen und externen Nutzern gleichermaßen das Tor zur Börsenwelt. Die zentrale E-Learning-Plattform vereint damit die Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Interessenten.
Das E-Learning-Portal wurde in zwei Phasen eingeführt. Am Ende der Planungsphase wurde zunächst ein Grundgerüst gebaut. Das Basisprogramm wurde anschließend um weitere Funktionen ergänzt. Während der Planungsphase hat sich die Deutsche Börse dazu entschlossen, ihr Portal selbst zu gestalten und keinen externen Anbieter mit der Pflege zu beauftragen. Ausschlaggebend waren hier die geringen variablen Kosten, Transparenz bei den Ausgaben, Unabhängigkeit und eine genaue Anpassung des Programms an die Anforderungen der Deutschen Börse. Heute sind die Fachabteilungen für die Pflege der Daten im E-Learning-Portal verantwortlich. Die direkte Beteiligung der Mitarbeiter trägt auch zur Motivation bei schließlich profitieren sie auch selbst von den E-Learning-Angeboten.
Bei einem Lernkonzept hingegen, das Präsenzunterricht und Lernen am Computer verbindet, übernimmt E-Learning meistens die Funktion der Vor- und Nachbereitung. Die Einstufung von Mitarbeitern per PC- oder Internet-gestütztem Programm sorgt für eine genaue Feststellung des Schulungsbedarfs, damit die Seminare Schüler nicht langweilen oder überfordern. Soll das Programm die Mitarbeiter zuerst auf den gleichen Wissensstand bringen, empfiehlt sich auf jeden Fall ein in die Software integrierter Abschlusstest als Zulassung zum Seminar. Nach dem Lehrgang ist es dann den Lernenden zusätzlich am Computer möglich, ihr Wissen von Zeit zu Zeit aufzufrischen und zu aktualisieren. Die Aufgabe von E-Learning ist also in diesem Fall eine begleitende, und die elektronischen Hilfen dienen dazu, den Lehrbedarf genau zu ermitteln, um herkömmliche Seminare zu optimieren.
Der Bedarf der Anwender ist also nicht auf das reine Lernen am einzelnen Rechner, das so genannte Computer Based Training (CBT), beschränkt, sondern die Unternehmen erwartet ein komplettes Lehrprogramm aus einer Hand. Ein Full-Service-Angebot, welches das Lernen am Rechner mit Chatrooms und Präsenzseminaren kombiniert. Deswegen sollten auch die Hersteller Know-how in diesen Bereichen vorweisen. Sonst wählt der Anwender zwar die technische Lösung eines E-Learning-Anbieters, zieht es aber vor, alle sonstigen Angebote selbst zu realisieren.
Der Trend beim Aufbau von E-Learning-Programmen geht so bereits von Angeboten durch Fremdanbieter zum Entwurf eigener Inhalte auch wenn viele Unternehmen vor der Entwicklung firmenspezifischer Portale entscheiden, E-Learning zunächst mit dem Standardangebot einer externen Firma testen. In diesem Fall kommen zum Beispiel Application-Service-Providing-Angebote (ASP) eines externen Dienstleisters in Frage. Die Mitarbeiter können so auf die externe Plattform zugreifen und dort beispielsweise Computerkurse belegen. Doch je mehr sich das E-Learning in der Firma durchsetzt, desto stärker steigt erfahrungsgemäß der Bedarf an speziellen Schulungen, wie zum Beispiel Produktschulungen für neue Artikel: Haben die Mitarbeiter die Vorzüge von E-Learning erkannt, sind sie zunehmend bereit, Informationen auf diesem Weg aufzunehmen.
Das perfekte Portal für alle gibt es nicht. Viele Anbieter sehen ihre Angebote als Standards, doch können die Anforderungen an das E-Learning-Portal je nach Zielsetzung eines Unternehmens stark variieren. Wer ein Portal aufbauen will, hat die Qual der Wahl. Vor der Auswahl steht die Frage: Wer soll das E-Learning-Portal nutzen und wozu? Ein klares Konzept im Hinterkopf nach den folgenden Kriterien hilft bei der Suche nach dem passenden Anbieter:
- Funktionalität: Heute sollen vielleicht nur die Mitarbeiter E-Learning nutzen. Doch wie sieht es in ein paar Monaten oder Jahren aus? Könnten vielleicht auch andere Zielgruppen wie Geschäftspartner und Kunden in das E-Learning-Programm eingebunden werden? Außerdem kann ein Portal unterschiedliche, so genannte Community-Elemente wie Chats, Onlineforen oder Downloads ermöglichen oder verhindern. Die Frage nach synchronen Elementen wie virtuellen Klassenräumen, Video- oder Tonübertragungen gehört ebenso zur Recherche wie die Registrierung der Nutzer im Portal.
- WBT-Integration: Bei der Integration von WBTs (Web Based Trainings) geht es darum, ob das Portal E-Learning in Internet und Intranet unterstützt. So kann E-Learning nicht nur wie es beim CBT (Computer Based Training) der Fall ist stationär genutzt werden. Wer sich mit seinem Portal im Internet bewegt, sollte besonders auf Standards achten. Eine Insellösung isoliert das Portal von vornherein. Bei einem Standardportal können unterschiedliche Lernmodule kombiniert und erweitert werden. Weitere Anforderungen bei der Einbindung von WBTs: Das System muss speichern können, wie die Lernstände der Anwender sind, und individuelle Lernpfade unterstützen.
- Technologie: Nicht jedes Portal eignet sich für alle Betriebssysteme. Gleiches gilt für das Zusammenspiel mit Webservern. Hier ist darauf zu achten, dass das Portal zur Unternehmenstechnologie passt. Es sollte auch skalierbar sein, das heißt, auch bei einem starken Anstieg der E-Learning-Nutzer muss das System mitwachsen können. Im Bereich der Technologie ist auch die von Kunden oft hinterfragte Sicherheit wichtig. Manch eine interessante Anwendung, zum Beispiel Application Sharing, kann vielleicht auf Grund von Firewalls und anderen Sicherungssystemen nicht genutzt werden. Nützliche Funktionen eines Anbieters kommen so unter Umständen gar nicht zum Tragen.
- Schnittstellen: Achten Sie auf Verbindungen zu anderen Systemen wie Rechnungssysteme, Kreditkartenzahlsysteme oder Content-Management-Systeme. Das betrifft vor allem die Integration mit SAP R/3.
- Service: Wichtig sind Fragen nach der Wartung, kostenfreien Updates, der Vor-Ort-Installation oder nach schnellem Service bei Problemen. Der Ausfall eines E-Learning-Portals kann, gerade wenn es auch den Kunden offensteht, erhebliche Imageverluste mit sich bringen. Service sollte binnen 24 Stunden garantiert und durch eine ständig besetzte Servicezentrale gewährleistet sein.
Wenn der E-Learning-Bedarf auf diese Weise steigt, hat der Anwender zwei Möglichkeiten: Er kann den externen Anbieter mit der Entwicklung seines neuen Programms beauftragen und ihn bitten, es in seine Plattform einzubetten. Ein zweiter Weg ist, die Plattform komplett für das eigene Unternehmen zu lizenzieren, um sie zukünftig in Eigenregie zu betreiben. Welchen Weg ein Anwender wählt, hängt vom Bedarf ab. Konzerne kaufen oft die technische Plattform in Form einer Lizenz oder entwickeln gleich ein eigenes Konzept, wie zum Beispiel die Deutsche Börse. Für die Mehrheit der kleinen und mittleren Unternehmen ist es dagegen interessant, ein externes Portal zu benutzen.
Erfolgsfaktoren beim E-Learning
Es hängt von einer Reihe von Erfolgsfaktoren ab, ob sich die Trends bei E-Learning in den kommenden Jahren durchsetzen.
E-Learning bedeutet einen massiven Eingriff in die Organisation. Es muss einkalkuliert und akzeptiert werden, dass Mitarbeiter immer wieder einen Teil ihrer Arbeitszeit auf die Lernprogramme verwenden. Wichtig ist hierbei auch, keine zu strikten Vorschriften zu machen, wie ein Mitarbeiter sein E-Learning-Pensum gestalten soll. Gerade die freie Zeiteinteilung ist einer der Erfolgsfaktoren des elektronischen Lernens.
Um die Motivation beim Lernen zu erhalten, gilt: Die Programme müssen hochwertig sein. Schlechtes E-Learning demotiviert und führt zu keinem Ergebnis. Daher lohnt sich die Investition in Fachleute, wenn es um die Erstellung neuer Lernprogramme geht. Auf Dauer können Unternehmen durch E-Learning-Programme im Vergleich zur herkömmlichen Weiterbildung 30 Prozent der Kosten sparen, schätzt Mummert + Partner. Doch trotz der möglichen Einsparungen sollten die Investitionen vorab nicht unterschätzt werden. Ein gutes E-Learning-Angebot schlägt in der Entwicklung unter Umständen mit mehreren 100.000 Euro zu Buche.
Beim Aufbau eines Programms sollte besonders auf die Integration von Testkomponenten geachtet werden. Eingangs- oder Einstufungstest sowie regelmäßige Lernkontrollen sind für den Erfolg von E-Learning wichtig. Da Mitarbeiter sich oft gegen direkte Kontrollmöglichkeiten wehren, müssen auch die Vertreter der Arbeitnehmer in den Entscheidungsprozess eingebunden werden. Aktuelle Tarifverträge fordern oft Lernangebote, weshalb die Zustimmung nicht schwer zu bekommen ist, solange die entsprechenden Anonymisierungen vorgenommen werden. Erhebliche Fehlinvestitionen sind absehbar, wenn Arbeitnehmer ein teuer angeschafftes Programm boykottieren, weil sie sich ausspioniert fühlen.
Zusammenfassend gilt: Der Erfolg von E-Learning wird durch skalierbare, das heißt erweiterbare Programme sichergestellt. Sie sollten das Wissen häppchenweise zur Verfügung stellen und auf moderner Technologie basieren. Vor ihrer Entwicklung sollte man die Mitarbeiter befragen, denn können diese sich mit dem entworfenen Lernkonzept nicht identifizieren, werden sie und das Unternehmen wenig Freude damit haben.
von: Frank Kabel, in: informationsweek, 25. April 2002
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