China - Ein Wandelungsprozess mit ungewissem Ausgang
Meinungsbeitrag von Dipl.-Volkswirt Jürgen Karad, Lohmar
Wer hat Angst vorm "schwarzen Mann"? Niemand! Die Antwort auf die Frage aus Kindertagen übertragen auf die VR China kann m. E. nur heißen: Jeder!
China hat 1,321 Mrd. Einwohner, ist flächenmäßig eines der größten Länder dieser Erde, basiert auf der Ideologie des Kommunismus, kann ein jährliches Wirtschaftswachstum von über 10 % vorweisen, wird bald die Bundesrepublik als "Exportweltmeister" ablösen, zählt zu den größten Umweltverschmutzern und Energieverbrauchern dieser Welt, kann auf 106 Dollar-Milliardäre blicken (2002 gab es noch keinen einzigen), verfügt über Währungsreserven in Höhe von 1.430,6 Mrd. US-Dollar mit einer Steigerungsrate von ca. 30 Mio. US-Dollar pro Stunde.
Außerdem erhält China 2007 Entwicklungshilfe in Höhe von 67,5 Millionen Euro vom deutschen Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Warum sollten wir Angst vom "gelben Mann" haben?
Die Antwort muss zwangsläufig vielschichtig sein und kann hier nicht erschöpfend beantwortet werden. Deshalb hier nur einige plakative Hinweise, die zur Diskussion anregen sollen.
1. Umweltschutz
Beim industriellen Aufholprozess hat China, vergleichbar der Bundesrepublik in der Aufbauphase, wenig Wert auf ein intaktes Umfeld gelegt. Die Folgen sind dramatisch. Betrachtet man heute Satellitenaufnahmen dieser Welt aus Luftverschmutzungssicht, so hängt über China eine riesige, rote Wolke. Dagegen sind die Verfärbungen von Teilen Europas, Amerikas und Südafrika nur relativ unbedeutende Farbkleckse.
Wenn wir zurückblicken auf die Anstrengungen, die notwendig waren und sind, um einen Fluss wie den Rhein wieder zum Leben zu erwecken, so können wir erkennen, dass positive Veränderungen zugunsten der Umwelt möglich sind und erfolgreich sein können. Ob China in naher Zukunft eine solche Anstrengung überhaupt unternehmen will, ist dagegen zweifelhaft. Alle Anstrengungen, die wir für den Erhalt des erträglichen globalen Klimas unternehmen, bleiben weitestgehend erfolglos, wenn andere Staaten diesem Beispiel nicht folgen. China ist da nur ein Teil des Gesamtproblems. Durch seine Vorbildfunktion für andere aufstrebende Staaten, wie z.B. Indien, kommt China aber eine Schlüsselposition zu. Vom Denkmuster der USA wollen wir in diesem Punkte besser nicht reden.
Besonders küstennahe Regionen werden zuerst betroffen sein. Ihren Bewohnern kann man nur zurufen: "fürchtet Euch!"
2. Gier
Im Gegensatz zur hiesigen Neidkultur wir in China wirtschaftlicher Erfolg bewundert und das zur Schau stellen von Statussymbolen ist ein Teil dieses Verhaltensschemas.
Genauso wie die menschenverachtende Raffgier einer kleinen Schicht bei uns die Stabilität der demokratischen Gesellschaft erheblich gefährdet, so sind auch in China Auswüchse zu erkennen, die den inneren Frieden stark belasten.
In China wächst die Zahl der Reichen und Superreichen so schnell wie nirgendwo auf dieser Welt. Nach Hurun-Report gibt es in China 415 Bürger, die mehr als 1 Mrd. US$ auf ihren Konten haben. Wohlgemerkt Milliarden nicht Millionen. Deutschland beheimatet laut "Forbes" 55 Milliardären und Russland 53 Superreiche. Die USA laut dem US-Magazin "Forbes" 415 Bürger. Angeführt wird die Liste des chinesischen Geldadels von Yang Huiyan, der 26 Jahre alten Tochter eines Immobilienentwicklers. Sie verfügt den Angaben zufolge über umgerechnet 17,5 Milliarden Dollar (12,4 Milliarden Euro).
Wenn man berücksichtigt, dass im Jahre 2002 noch überhaupt kein Chinese auf dieser Liste vermerkt war, so ist zu spüren, dass solche Vermögen nicht mehr auf dem Weg des gesellschaftlich akzeptierten wirtschaftlichen Erfolges angehäuft werden kann.
Zwei ineinander greifende Faktoren spielen hier eine wesentliche Rolle:
- Korruption und
- Kaderwirtschaft.
2.1. Korruption
Zumindest bei Auslandsbesuchen beklagen sich Chinesen immer öfter über die zunehmende Korruption und die Gier der Entscheidungsträger bei der Ausgestaltung von Provisionsregelungen bei der Vergabe von Lizenzen und staatlichen Aufträgen. Überall auf der Welt ist es mehr oder weniger üblich, dass unterbezahlte Staatsdiener ihr zumeist kärgliches Einkommen durch kleine Zuwendungen aufzubessern versuchen. Die Summen, über die heute diskutiert und bezahlt werden, zulasten letztendlich der gesamten Volkswirtschaft, können nur noch als Gier bezeichnet werden.
2.2. Kaderwirtschaft
Wirtschaftlich erfolgreich sind meist Unternehmer mit guten Beziehungen zu den Mächtigen, aus deren Reihen sie auch oft hervorgehen: "Von den 3220 Chinesen mit einem Privatvermögen von mindestens 100 Millionen Yuan sind 2932 Kinder der höheren Parteikader. In den fünf Wirtschaftszweigen Finanzen, Außenhandel, Landerschließung, Großkonstruktionen und Wertpapiere halten Kinder der höheren Kader 85 Prozent bis 90 Prozent der Schlüsselpositionen."[1]
1) Carsten A. Holz: Have China Scholars All Been Bought?, Far Eastern Economic Review, April 2007.
Es ist aus meiner Sicht diese Gier, die zum gesamtgesellschaftlichen Problem werden wird. Wie lange noch werden diese Kader ihre Machtpositionen noch mit Gewalt verteidigen können? Wann werden aus begrenzten, von der Weltöffentlichkeit zumeist unbemerkten Protesten, übergreifende blutige Konflikte?
Wie wird sich das riesige Heer an Wanderarbeitnehmer verhalten?
Was werden die zahllosen Hochschulabsolventen in einer solchen Situation tun?
Nach unterschiedlichen Aussagen findet zwischen 70 und 100 % der derzeitigen Hochschulabgänger keine Arbeit.
Ich bin davon überzeugt, dass bis zu den olympischen Sommerspielen 2008 in Beijing, vielleicht auch noch bis zur EXPO 2010 in Shanghai, das Machtpotential der Kader ausreicht, um öffentliches Aufbegehren zu unterdrücken. Aber was wird danach sein?
Ein Staatengebilde dieser Größenordnung in Aufruhr, das ist für den Rest der Welt mehr als furchterregend!
3. Ideologie
Auch wenn wir das nicht glauben oder erkennen wollen: China ist ein kommunistisches Land! Die Kommunistische Partei Chinas hat das Ziel der kommunistisch geprägten, umfassenden Gesellschaftsordnung nicht aufgegeben.
Die staatlich geförderte, marktorientierte Wirtschaft mit all ihren ökonomischen Erfolgen wird vom politischen Machtkader nur als unvermeidliche Übergangslösung angesehen.
Angesichts der rasant wachsenden, Glanz und Glemmer verströmenden Speckregionen entlang der Pazifikküste kann man schnell den Eindruck gewinnen, dass die gesellschaftspolitische Komponente des kommunistischen Chinas allzu leicht übersehen wird.
Der Kommunismus, so die Doktrin, kann nur über den Kapitalismus, dem in einer nächsten Phase die Vergesellschaftung des Kapitals folgen wird, erreicht werden. In den Kaderschulen der kommunistischen Partei wird diese "unausweichliche" Dialektik gelehrt.
Gerade für ausländische Investoren kann diese Doktrin zu einem unglaublichen Fiasko führen. Ich glaube allerdings nicht, dass hier bei den Entscheidungsträgern so etwas wie Furcht entsteht. In ihrer eigenen Gier, dem kurzfristig auf den eigenen Erfolg ausgerichteten Denken, spielen längerfristige Risiken, ob innerbetrieblich, sozial, national oder international, nur eine sehr geringe Rolle. Warum sollten sie sich also Sorgen um das Kapital ihrer Geldgeber machen, wenn es eines Tages verstaatlicht und damit enteignet wird?
4. Währungsreserven
Die Deutsche Bank schätzt die globalen Währungsreserven auf rund fünf Billionen US-Dollar[2] Rund zwei Drittel der Reserven halten dabei asiatische Staaten. In China stieg bis Juni 2007 der Bestand an Währungsreserven auf 1,3 Bio. US-Dollar. [3] Damit besitzt China weltweit die größten Währungsreserven.
(2) Deutsche Bank Research: Internationale Reservewährung Euro im Aufwind, EU Monitor 46, 24. April 2007 (3) FAZ 12. 7. 2007
Nur zum Vergleich: der Haushalt des Bundes umfasst für das Jahr 2007 eine Summe von 270 Mrd. Euro.
Inzwischen beträgt die Währungsreserve Chinas 1430,6 Mrd. US-Dollar.
Was wird China mit dieser gewaltigen Summe tun?
Die langfristig wichtigen strategischen Positionen dieser Welt besetzen?
Politischen und wirtschaftlichen Druck dort ausüben, wo es dem herrschenden Kader gerade genehm erscheint?
Den "Erzfeind" USA wirtschaftlich in die Knie zwingen?
Die Währungsreserven auf viele Schultern verteilen, um den eigenen ökonomischen Aufstieg nicht zu gefährden?
Weiter die eigenen Taschen füllen?
Den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus schlicht und einfach erkaufen?
Viele Varianten sind denkbar. Angesichts der riesigen Summe, über die China als Währungsreserve verfügt, verbunden mit den anderen Faktoren, von denen hier nur einige genannt werden konnten, sind die globalen Folgen chinesischer Politik wahrlich Furcht einflößend.
Die Welt verändert sich. Hoffentlich nicht zu schnell für Deutschland!
J. Karad
16.11.2007
>>>> Diskussionsbeiträge zum Thema "China"
Sagen Sie uns Ihre Meinung: INFO@Karad.de
Hier finden Sie unser Beratungs- und Dienstleistungsangebot
http://www.karad.de/ + email: info@Karad.de