(home)

China und die Weltwirtschaftskrise

Anmerkungen von Jürgen Karad
Lohmar, 16. Oktober 2008

China ist ein wichtiger Teil der Weltwirtschaft. Die derzeitige Finanz- und wahrscheinlich auch bald Wirtschaftskrise wird deshalb auch China treffen. Trotz erheblicher Währungsreserven sollten die Erwartungen an China, dass es zur Stabilisierung der Finanzmärkte einen wesentlichen Betrag leisten wird, nicht all zu hoch angesetzt werden.

Chinas Chance liegt im Binnenmarkt
Wenn China einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Weltwirtschaftslage leisten kann, dann dadurch, dass das Land die eigene Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen stärkt. Durch seine demonstrative Hinwendung zu den Bauern der ländlichen Region hat der Staatspräsident Hu Jintao öffentlichkeitswirksam demonstriert, wo er die nahe Zukunft seines Landes sieht. Die Parteizentrale hat endlich auch erkannt, dass ein Einkommensgefälle von 1:3,3 zwischen Stadt und Land auf Dauer gesellschaftsschädlich sein wird. Die neuesten Parteibeschlüsse scheinen diesen Umständen Rechnung zu tragen. Leider werden aber in China problematische Diskussionen immer noch als Staatsgeheimnis behandelt. Daher sind verlässliche Aussagen nicht möglich.
Klar ist, dass der Rest dieses Jahres aber vor allem das Jahr 2009 für China schwierige Zeiten mit sich bringen wird. Wirtschaftskrise, 60 Jahre China, 50 Jahre Tibet, 20 Jahre Tian'anmen-Massaker sind hier nur einige Stichworte. Die derzeitige Weltwirtschaftskrise wird im Land allerdings weitgehend verschwiegen. Während die Währungsreserve von 1.800 Mrd. USD nur teilweise betroffen zu sein scheint, werden Auswirkungen der Krise eher in der realen Wirtschaft als im Finanzsektor erwartet.

Finanzkrise trifft China in der Realwirtschaft
Im Konsumgüterbereich mache sich die Exportlastigkeit negativ bemerkbar. Die überwiegend personalintensiven Billigprodukte bleiben in den Regalen liegen. Die Karawane zieht weiter. Die Währungsaufwertung verstärkt den Trend und verringert die Margen zusätzlich. Im Zuge der Krise ist die Planung für die Stahlproduktion 2009 schon um 20 % zurückgenommen worden. Der Zusammenbruch des chinesischen Immobilienmarktes wird allgemein erwartet.
Die Börse in Shanghai hatte schon vor der Krise einen Wertverlust von 60 % zu verzeichnen. Die bisher bekannt gewordenen Engagements von chinesischen Investitionen in den internationalen Bankensektor sind weitestgehend gescheitert. 35 Mrd. USD müssen als Verlust hingenommen werden. Offenbar fehl es an international erfahrenen Bankfachleuten.

Korruption belastet Chinas Gegenwart und Zukunft
Die in der nahen Zukunft erkennbaren Problemfelder Chinas werden zusätzlich dadurch belastet, dass man bei der Zentralregierung einen erheblichen Ansehensverlust konstatieren muss. Öffentlichkeitswirksame Beispiele: der Milchskandal und die zahlreichen Bergwerksunglücke verursacht durch die allgegenwärtige Korruption.
Nebenwirkung: Vor dem Milchskandal gab es in China 15 Mio. Milchkühe, die den Bauern ein einträgliches Einkommen sicherten. Der Absatzeinbruch hat dazu geführt, dass viele Bauern ihre Rinder geschlachtet und damit ihre Einkommensbasis zerstört haben.
Die unsägliche, alle Ebenen umfassende Korruption hat dazu geführt, dass Kinder und erwachsene Mitbürger sterben mussten. Das geht selbst den geduldigsten Chinesen entschieden zu weit. Sollte es die Regierung nicht nur bei einzelnen Scheinopfern belassen, weil die alten Strukturen viel zu mächtig sind, sondern tatsächlich längerfristig Verhaltensänderungen durchsetzen, so wäre das ein ungeheurer Kraftakt, den sich nicht nur Chinesen wünschen. Auch ausländischen Investoren käme dies sehr gelegen.
Denn noch immer ist Fakt, dass trotz aller Gesetze und Verordnungen, jede Aktivität in China unter fehlender Planungssicherheit und dem undurchschaubaren Ermessensspielraum der Behörden leidet.
Allerdings sollten ausländische Investoren nicht zu optimistisch werden. Eine zunehmende Re-Politisierung der Wirtschaft, Wirtschaftsnationalismus / -Protektionismus sind zu konstatieren. China hat erkannt, dass sie die Ausländer nicht mehr wirklich braucht. Diese Tendenzwende manifestiert sich u.a. auch in dem "National Economic Security" Test (NES). Zukünftig heißt die Frage der Genehmigungsbehörden auch: "Was bringt eine geplante Aktivität China?" Oder konkret am realen Beispiel Coca Cola: Werden nationale Champions ausreichend vor ausländischen Investoren geschützt?

Nationalstolz nimmt zu
Erkennbar ist, Chinas jüngere Generation wird zunehmend nationalistisch, trotz des erkennbaren, selbst erlebten wirtschaftlichen Erfolges. Die Vorbildfunktion westlicher Medien nimmt stark ab. Die sehr selektive Wahrnehmung der chinesischen Entwicklung in den westlichen Medien, gepaart mit dem steigenden Selbstbewusstsein, macht Chinesen sehr hellhörig und zunehmend empfindlich. Ansätze zu Freiheit und Toleranz sind vorhanden. Zu intensive Einflüsse von außen können dem zarten Pflänzchen aber schaden. So können ohne Not Feindbilder entstehen, die zu einer außenpolitischen Bedrohung führen, möglicherweise als Ventil bzw. Ablenkungsmanöver für eigene Probleme.
Die Diskussion um die Eigentumsfragen der Bauern, Verlängerung der Pachtzeiten auf 70 Jahre und die Möglichkeit der Bauern Land zu verkaufen, macht deutlich, eine Hinwendung zum Binnenmarkt und den Menschen im Hinterland ist unverkennbar. Leider spielen sich solche Diskussionen immer noch in geheimen, streng vertraulichen Kaderzirkeln ab. Die Forderung nach echter Privatisierung gehört zudem immer noch zu den Tabuthemen.
Die Gefahr der Manipulation öffentlicher bzw. veröffentlichter Meinungen ist sowohl in unserer Medienlandschaft aber sicher noch mehr in staatskontrollierten und zensierten Medien möglich und wahrscheinlich. Aber Veränderungen sind erkennbar. Im Internet werden heute schon Themen diskutiert, die vor kurzem noch undenkbar waren.

Hinwendung nach innen
Gelingt es der Regierung Chinas, den wirtschaftlichen Erfolg der Küstenregion zumindest ansatzweise ins Hinterland zu tragen und damit eine stabile Binnenkonjunktur anzustoßen, wird das einen Teil vom Druck auf den internationalen Handel nehmen und dadurch dazu beitragen, die reale Weltwirtschaft zu stabilisieren. Um die Gelegenheit zu nutzen, weitgehende internationale Markt- und Machtpositionen zu besetzen, dafür kommt die internationale Finanzkrise wahrscheinlich noch einige Jahre zu früh.

J. Karad
16. Okt. 2008

home (top)

>>>> Diskussionsbeiträge zum Thema "China"

Sagen Sie uns Ihre Meinung: INFO@Karad.de
Hier finden Sie unser Beratungs- und Dienstleistungsangebot
http://www.karad.de/ + email: info@Karad.de